Es bestehen viele Klischees über die Deutschen und die Spanier, über ihre Kulturen, ihre Verhaltensweisen und ihre Gewohnheiten – aber was davon stimmt überhaupt und was wird immer wieder aufgewärmt? Ich habe nun 22 Jahre deutsche Kultur inne und darf mir jetzt seit 4 Monaten ein Bild von der spanischen Lebensweise in Sevilla machen. Dies konnte bis jetzt sehr amüsant und aufregend, aber auch anstrengend sein…

Das erste Mal in einem typisch spanischen Supermarkt kam ich mir vor wie auf dem Hamburger Fischmarkt. Von dort kenne ich das Bewerben von Lebensmittel in erhöhtem Ton, aber im Supermarkt war mir dies neu. Deswegen zuckte ich zunächst zusammen als mir das erste Mal eine Dame direkt ins Ohr schrie, dass ich die Orangen heute für nur 1€/Kilo erhalte. Ein weiteres Phänomen ist, dass die Kassierer keinerlei Eile haben, egal wo man ist, aber dies scheint die Bewohner hier nicht zu stören. Die Menschen haben hier nun einmal keine Eile – „tranquilo“. In Deutschland muss es hingegen schnell zugehen, sei es im Supermarkt, unterwegs zum Restaurant oder beim Shoppen, die Zeit rennt also rennst du!

 

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Vor allem im Restaurant lassen sich diverse Unterschiede beobachten. Während in Spanien öfters am Tag kleine Mahlzeiten eingenommen werden, kleine Tapas und auch gerne mit einem Bier zur Mittagszeit, kommen in Deutschland oft deftige Mahlzeiten und große Portionen auf den Tisch. Das Abendessen steht zuhause üblich um 19 Uhr auf den Tisch, in Spanien verschiebt sich dies um 3 Stunden nach hinten und wird lange hinausgezogen. Wenn es ums Bezahlen geht wird in Spanien meist zusammen gezahlt, mal zahlt der eine und mal der andere, in Deutschland wird an der Stelle das Kleingeld ausgepackt, sodass die Rechnung auf das Feinste aufgesplittet werden kann, aber warum –  im Endeffekt kommt es doch beim selben heraus?!  Als meine mich vor kurzem besuchende Bekannte das Kupfergeld in der Tapas-Bar auspackte, fühlte ich mich schnell wieder heimisch.

Eine Sache die mich sehr überrascht hat, die ich jedoch äußerst deutsch fand, sind die Menschenreihen an den Bushaltestellen. Wer bei uns zuerst einsteigt, sitzt zuerst im Bus, da stellt sich keiner in eine geordnete Schlange um einzusteigen. Ein riesiger Unterschied ist zudem das Gesprächsvolumen. Der Spanier brüllt, egal ob es leise um ihn herum oder laut ist. Auch wenn er flüstert kommt es mir laut vor – hierzu gibt es die verschiedensten Theorien, eine davon besagt, dass der Spanier die meiste Zeit unter der Sonne verbringt, und wo sich viele Menschen ansammeln, muss bekanntlich lauter gesprochen werden, um sich zu verstehen.

Ein weiterer Unterschied wurde mir an meinem ersten Arbeitstag aufgedrückt, nämlich zweimal auf jeder Seite meines Gesichtes, insgesamt über 30-mal. Der Spanier ist nun einmal sehr herzlich und sucht den Körperkontakt, deswegen ist auch Küsschen links und rechts üblich. In Deutschland sieht dies anders aus – da gibt man sich Bussis wenn man sich gut kennt, aber zur Begrüßung werden lediglich Hände geschüttelt.

Apropos Nähe, kaum ein Spanier fühlt sich nicht zutiefst mit seiner Familie verbunden. Dieses bedingungslose Zusammengehörigkeitsgefühl ist uns in Mitteleuropa etwas abhandengekommen. Hier in Spanien ist es ein Ausdruck eines Lebensgefühls, das jeden Einzelnen in eine geliebte Gemeinschaft einbindet.

Allgemein kommen einem die Spanier sehr hilfsbereit vor, jedoch muss man dies auch häufig erbitten. Trifft man sich vor einer Party mit Freunden zum „Botellón“ zu Deutsch „Vortrinken“ wird kaum einer auf die Idee kommen die Flasche weiterzureichen. An der Stelle sollte man den Mund aufmachen, möchte man nicht als einziger nüchtern in den Club gehen.

 

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Ein Unterschied, der mir sehr zusagt ist der, dass der Spanier das Leben nicht so ernst nimmt und es stattdessen lieber feiert. Spaziert man sonntags durch die Stadt, begegnen einen überall Menschen in den Straßen, mit einem Glas Gin Tonic und lachenden Gesichtern. Es gehen zudem nicht nur die jungen Leute feiern sondern vor allem auch die älteren Generationen. Landet man in einer traditionellen Bar, kann es sein, dass man mitten in einer Flamenco Show landet und auch von einem älteren Herrn zum Tanz aufgefordert wird. Besonders in Sevilla wird noch traditionell gefeiert. Die Deutschen feiern natürlich auch gerne, erzählt man einem Spanier man komme aus Deutschland ist das erste was man hört „Oktoberfest!“, wo literweise Bier getrunken wird.

Das erste was einem in einem fremden Land auffällt sind immer die Unterschiede, jedoch gibt es auch einen Berg an Gemeinsamkeiten die uns verbinden. Die Entscheidung, ob etwas positiv oder negativ zu bewerten ist liegt meistens im Auge des Betrachters. Und überhaupt, muss man alles unbedingt bewerten? Ich für meinen Teil genieße gerne den Unterschied…

 

Wenn du dir nun ein eigenes Bild von Sevilla machen möchtest, dann besuche unsere Homepage!

 

 

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